HomeKontaktSitemapImpressum  
 
PEK GmbHOrtsteil KirchmöserMediaService
 

 

Ein Schwan wies den rettenden Weg - Eine Geschichte aus dem Dreißigjährigen Krieg / Wie der große Vogel in das Wappen von Kirchmöser gekommen sein könnte

 

Nach 1846 nahmen die Kirchmöseraner einen Schwan in ihr Wappen auf. Rolf Schulze erzählt eine Geschichte, die dies erklären könnte.


Von Rolf Schulze

KIRCHMÖSER Zu allen Beurkundungen diente das Siegel des hochadligen Patrimonialgerichtes derer von Görne zu Möser, das die Wappenzier dieser Adelsfamilie trug. 1849 taucht nachweislich der stehende Schwan im Wappen der Kirchmöseraner erstmalig auf. Der Grund war die Übergabe zur Bewachung der Telegrafenstation auf dem Mühlenberg bei Kirchmöser an den Einwohner Stimming.

Sicher haben sich damals die Bauern und Fischer über die Ehrung ihres Dorfes mit einem eigenen Wappen sehr geehrt gefühlt. Doch alles in allem könnte sich hinter diesem damaligen historischen Moment auch eines der Geschichten der Kirchmöseraner verbürgen, die damals von den Alten von Generation zu Generation weiter erzählt wurden.

Es kann sein, dass dieses Erlebnis in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648) zurückreicht. 1648, das letzte Jahr des Dreißigjährigen Krieges, muss für die Bauern und Fischer des Dorfes Möser fürchterlich gewesen sein. Viele der Bauern befanden sich noch im Söldnerdienst des Krieges. Übrig geblieben waren nur Kranke, Frauen und Kinder. Aber nicht nur, dass die für den Krieg von den Bauern und Fischern zu erbringenden Abgaben an König und Lehnsherren immer größer wurden. In diesem Jahr kam eine extreme Dürre hinzu.

Der vorausgegangene Winter blieb ohne Schnee und war sehr kalt. So war das Wintergetreide auf den Feldern erfroren. Die Alten des Dorfes versammelten sich fast täglich in der Kirche, um Gott um eine bessere Ernte zu bitten. Damals muss es auch den Wusterwitzern, Mahlenzienern und Viesener Bauern schlecht gegangen sein.

Das ersehnte Frühjahr blieb ebenfalls trocken. So zog sich das hin bis zum Sommer. Die Fischer stellten durch die fallenden Wasserstände zudem ein unaufhaltsames Fischsterben fest. In solchen Zeiten rückten die Möseraner noch enger zusammen. Da die Weiden viel zu früh abgegrast und das übrig gebliebene Gras zum Teil vertrocknet waren, trieben die Bauern nun ihr Vieh in die umliegenden Wälder. Hier fand das Vieh zumindest so viel, dass es nicht verhungern musste. Dazu kamen immer wieder neue Berichte von versprengten Soldatenregimentern, die sich auf ihrem Rückzug in den Wäldern zwischen Ziesar und Brandenburg versteckt hielten. Die von diesen Horden begangenen Gräueltaten beunruhigten damals die Bürger. Es war abzusehen, dass auch die Möseraner Bauern und Fischer irgendwann das Opfer solcher Banden werden könnten.

Mittlerweile war es schon August. Die Bauern waren von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang noch auf dem Kirchmöser nahe gelegenen Mühlenberg, um von dort die letzten getrockneten Korngaben in ihre Scheunen zu bringen. Doch eines Abends spürte man förmlich die Angst, die von Wusterwitz herüber zu hören war. Das Bellen der Hunde und das Blöken der Färsen in den Ställen signalisierten den Bauern in der Umgebung, dass in diesem Dorf etwas furchtbares passiert sein muss. Aufsteigender Rauch über einige Gehöfte ließ vermuten, dass diese in Flammen aufgingen.

Aus allen Richtungen kamen nun die ersten Flüchtlinge, die den Möseranern über die Gräueltaten in ihren Dörfern berichteten. Man brauchte kein Prophet zu sein, um zu erahnen, dass in den nächsten Stunden auch Möser überfallen wird. So schnell sie konnten verließen sie ihre Felder. Auf ihren Gehöften packten sie in Windes-eile die wichtigsten Sachen zusammen und versammelten sich mit ihren Wagen und dem Restbestand von Vieh auf dem Vorplatz der Dorfkirche. Dank des Neumondes war es um diese Zeit dort schon stockdunkel. Das wenige Licht von denen, die eine Laterne bei hatten, ließ die Stimmung noch gespenstischer werden. Aufgeregte Stimmen, das Schreien der Kleinkinder und die unüberhörbaren Kommandos für das Vieh, deuteten auf die Ausweglosigkeit dieser momentanen Situation hin. Wohin sollte man jedoch fliehen, zumal Mahlenzien, Wusterwitz und Woltersdorf von diesen Horden ehemaliger Soldaten bereits umlagert waren.

Ein junger Bauer von kräftiger Gestalt fasste Mut. Er stellte sich auf einen der Wagen und bat energisch um Ruhe. Die Alten, die von der Rangfolge her in Möser das Sagen hatten, waren verblüfft. Sie ließen ihn jedoch gewähren. Mit kurzen und knappen Worten erläuterte der Bauer nun die Situation. Der einzige sichere Weg sei der am Möserschen See gelegene Uferweg zur Halbinsel der Wusterau. Das wären vom Dorf bis dahin nur drei Kilometer. Begeistert waren die Möseraner über diesen Vorschlag nun ganz und gar nicht. Einige nahe am Wagen stehende Leute fragten den Bauern ironisch, ob es nicht besser wäre sich gleich im Möserschen See zu ersäufen. Der junge Bursche stand fest auf dem Wagen und ließ sich von seinem Gedanken nicht abbringen. Er erläuterte nun seinen Plan und fügte hinzu, dass, wenn man angegriffen werde, man sich überlegen müsse, ob man sich verteidigen oder verstecken solle.

Doch leichter gesagt als getan, bei dieser Dunkelheit lauerten damals auf diesem Weg dort noch ganz andere Gefahren. Um keine Geräusche und Spuren zu hinterlassen, umwickelte man die Hufe der Pferde mit Stoffresten und die Räder der Wagen wurden mit Gras und Stroh umwickelt. So war man bereit, den schmalen Uferweg zwischen dem Heiligen- und dem Möserschen See zu befahren. Man musste sich beeilen, denn einige Flüchtlinge wollten gehört haben, dass die ersten Horden von Dieben, von Mahlenzien kommend, das Gut des Gärtners bereits erreicht haben. Die Lampen und Fackeln wurden gelöscht. So folgte man stillschweigend dem Tross des jungen Bauern. Der Weg vom Dorf zur Wusterau war durch einen Wald mit Büschen geschützt und Dank des trockenen Sommers sanken die Räder der beladenen Wagen nicht in das sonst so sumpfige Gelände ein. Dennoch war das wegen der Dunkelheit für alle sehr beschwerlich, und nicht nur einmal sind die Wagen dabei vom Weg abgekommen. Doch nach drei Stunden befand man sich am Südufer der Halbinsel. Es war die Stelle, von der man am Tage quer über den Möserschen See bis zum Möseraner Dorf sehen konnte. Trotz der Dunkelheit sah man nun von Weitem, wie einige dieser Horden laut grölend mit Fackeln den Weg der Bauern folgten.

Ein lautes Platschen, so als wenn ein großes Tier durch den nahe gelegenen Möserschen See flieht, ließ alle aufschrecken. Nun hatten die Möseraner noch mehr Angst. Man duckte sich hinter den Gespannwagen und beobachtete, was nun folgen wird. Zunächst erkannte man in dieser Dunkelheit nur etwas Helles. Doch bald zeigte sich am Schilfrand ein auf einem abgestorbenen Baumstumpf stehender Schwan, der zugleich in Richtung der Insel Kiehnwerder davonschwamm. Doch um einen Schwan zu beobachten, dafür hatten die Möseraner in dieser Nacht wenig Sinn. Doch während einige Möseraner so ihren Gedanken nachgingen, kam der Schwan zurück und schwamm den gleichen Weg abermals. Der junge Bauer, der den Möseranern das Versprechen abgab alle zu retten, folgte dem Schwan.

Da merkte er, dass ihm das Wasser nur bis kurz über die Knie reichte. Der Grund des Sees war an dieser Stelle nicht verschlammt. Kleine Muscheln bildeten hier zusammen mit dem Sand eine befahrbare Sandbank. Doch der Schwan führte den Bauern immer weiter weg vom Ufer. Den Bauern überkam Angst, doch wenn er jetzt um Hilfe rufen würde, wären damit auch bald die Verfolger hier. So sah er nur immer den Schwan vor sich und staunte, als dieser plötzlich so das Ufer der Nordspitze von Kiehnwerder betrat. Erst jetzt wurde ihm klar, der Schwan zeigte ihm eine Furt zu dieser Insel. Hastig kehrte er nun auf demselben Wege zu den Anderen zurück.

Freudig umarmten die Alten den Burschen, als er wieder mitten unter ihnen stand. Nun erzählte er seine Geschichte vom Schwan und seinen Plan, zusammen mit den anderen Dörflern sich auf der Insel Kiehnwerder zu verstecken. Wenn auch skeptisch, man vertraute dem jungen Bauern und zog mit allem Hab und Gut auf die Insel. Kaum hatte man sich dort auf dem höchsten Punkt der Insel zur Beobachtung niedergelassen, sah man am gegenüberliegenden Ufer der Halbinsel Wusterau die Verfolger. Sie grölten und schrien ihre Mordgier über den See. Selbst noch auf der Insel Kiehnwerder verstanden die Möseraner jedes Wort. Doch am anderen Morgen verschwanden sie von der Halbinsel und ließen, weil ja nichts zu holen war, Möser unbehelligt.

Erst jetzt merkten die Bauern, dass sie ihr Glück einem Schwan zu verdanken hatten. Wo war er? Gesehen hatte ihn niemand mehr. Sie versprachen sich, mit dem Weitererzählen dieser Geschichte dem Schwan ein ehrendes Andenken zu geben.

Diese Sandbank im Möserschen See existiert bis heute. Die Bucht an dieser Stelle der Wusterau trug unter den Kindern den Namen „Muschelbucht“. Leider ist diese Bucht heute zugewachsen. Doch von ihr aus ist man bei einer durchschnittlichen Wasserhöhe von 80 Zentimetern bis kurz vor die Nordspitze Kiehnwerders gelangt.

 

Märkische Allgemeine Zeitung vom 24.05.2008

 

 


 
Ein Schwan wies den rettenden Weg | 06.02.12 | Druckversion
 

     
 
 
 

Keine News in dieser Ansicht.