Wirtschaftsaufschwung ist in Kirchmöser keine Zukunftsvision

Kommune macht traditionellen Industriestandort innovativ und wettbewerbsfähig
 |  |

|
 Kirchmöser als Ortsteil der Stadt Brandenburg an der Havel zählt rund 4.300 Einwohner. Sein Industriegebiet spiegelt die deutsche Geschichte der letzten 100 Jahre wider.
|
Eine Halbinsel, mitten im Märkischen Land, eingebettet in die Brandenburger Seenlandschaft – das ist Kirchmöser, ein Ortsteil der Stadt Brandenburg an der Havel und seit den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts (ca. ab 1920) ein Industriestandort vor allem der Deutschen Reichsbahn, die hier auf einmalige Weise eine Reihe bahnspezifischer Betriebe schuf, aber auch schmucke Direktorenvillen und Siedlungshäuser für ihre Angestellten. Nach der Wende konnte die Tradition des Schienenfahrzeugbaus nur punktuell fortgesetzt werden, und der Rest des Industriegebietes Kirchmöser fiel vorerst in einen Dornröschenschlaf – bis die Stadt Brandenburg selbst initiativ wurde.
Vor fünf Jahren, am 1. Januar 2003, ging das Industrieareal auf der 650 Hektar großen Halbinsel Kirchmöser von der Deutschen Bahn auf die Kommune über. Davon waren 160 Hektar Industriebrache, die zum Teil metertief mit Altlasten behaftet sind, berichtet Hans-Joachim Freund, der aus Aschaffenburg stammende städtische Projektmanager und Geschäftsführer der Projekt-Entwicklung-Kirchmöser GmbH (PEK), eines zu 100 Prozent städtischen Unternehmens. Und seitdem nahm der Industriestandort eine Entwicklung, die eng verbunden ist mit einer zunehmend gefestigten Wirtschaftsstruktur und einer ökologisch stabilen Umgebung sowie einer vielfältigen Freizeitgestaltung. Im Süden von Kirchmöser verläuft die Eisenbahnstrecke Berlin-Magdeburg, und noch heute verfügt der Vorort von Brandenburg über einen umfangreichen Gleisanschluss, über den nahezu jeder Bereich der Halbinsel mit Güterverkehrsleistungen erreicht werden kann. Ursprünglich wurde die PEK GmbH 1992 gegründet, um die in Kirchmöser und Wusterwitz gelegenen Bahngrundstücke zu verwalten und zu verwerten. Mit dem Eigentumsübergang des etwa 400 Hektar großen Bahngeländes und den rund 10 Hektar ehemaliger NVA-Flächen an die Stadt Brandenburg wurde die Grundlage dafür gelegt, den Stadtteil Kirchmöser mit seinem Industrie- und Gewerbegebiet sowie auch die Wohngebiete Kirchmöser-West und -Ost touristisch und infrastrukturell aufzuwerten. Neben dem Auftrag zur Vermietung von Gewerbeimmobilien, Lagerflächen, Grundstücken für Erholungszwecke – zur Zeit 494 Vereinsgärten, 264 Einzelparzellen, 3 Bootshäfen, 385 Garagenstellflächen - verfügt die PEK GmbH über historisches und aktuelles Kartenmaterial und ist daher für Firmen und Bauherren erste Anlaufstelle.
 |  |

|
 Kirchmöser zeigt die wechselvolle Geschichte als langjährig militärisch und zivil genutzter Standort.
|
Schon eine Woche nach Übernahme des Industrieareals in städtische Hände sagte das Wirtschaftsministerium des Landes der Stadtverwaltung Brandenburg an der Havel zu, die Revitalisierung des Gewerbe- und Industriegebietes Nord mit einer Gesamtinvestition von rund 27 Millionen Euro zu fördern. Wirtschaftsminister Ulrich Junghanns und die Brandenburger Landesregierung, die auch nach Abschluss der Revatilisierungsarbeiten Mitte des Jahres 2006 die Entwicklung von Brandenburg-Kirchmöser nachhaltig unterstützen, weil sie hier ein großes Potenzial für neue Industrieansiedlungen sehen, wissen, wie schwierig der Weg war, aus einstiger Industriebrache einen innovativen und wettbewerbsfähigen Standort zu machen. Kirchmösers Projektmanager Hans-Joachim Freund erinnert sich, dass vom Bundeseisenbahnvermögensamt 2003 rund 190 Liegenschaften mit etwa 400 Hektar übernommen wurden, um das Industrie- und Gewerbegebiet Kirchmöser mit seinen noch nicht vorher veräußerten denkmalgeschützten Industriebauten zur Sicherung und Schaffung neuer und weiterer Arbeitsplätze zu entwickeln. „Der Anfang war sehr abenteuerlich“, sagt Freund, weil lediglich Pläne aus dem Jahr 1916 ausfindig gemacht werden konnten, als in Kirchmöser eine Pulverfabrik gebaut wurde. Den Grundstein für industrielle Neuansiedlungen in Kirchmöser-Nord legte Wirtschaftsminister Junghanns am 2. Februar 2004 höchst selbst. „Was hier in zweieinhalb Jahren geschaffen, wurde kann sich sehen lassen“, sagt Hans-Joachim Freund. „Wir haben 6,7 Kilometer Straße gebaut, vor allem eine durchgehende Nord-Süd-Achse angelegt, 37 Kilometer Leitungen verlegt, 600 Meter Gleise mit acht Bahnübergängen, zwei Klärbecken, zehn Trafostationen, vier Pumpwerke und acht Kilometer Trink- und Abwasserleitungen errichtet.“ Darüber hinaus wird seit 2005 das ehemalige 65 Hektar große Panzerwerk für insgesamt rund 50 Millionen Euro zum Industriegebiet Süd umgestaltet. Während im Industriegebiet Nord schon 90 Prozent aller Flächen vermarktet sind, wurden in Süd bislang neun Hektar an Unternehmen verkauft, darunter ein Blechverarbeitungswerk und eine Gießerei, sagt Regionalmanager Dirk Zielke. Hier wurden von November 2005 bis April 2006 über 90 Gebäude abgerissen und 110.000 Tonnen Abruchmaterial entsorgt.
Aber auch ein Großteil der Infrastruktur des Industriegebietes Süd ist schon fertig, wo bis 1994 vor allem sowjetische Streitkräfte ihr Domizil hatten und den Boden erheblich belasteten. „Nach dem Abzug der Sowjets ist festgestellt worden, dass Kerosin, Öl und galvanische Stoffe ins Erdreich sickerten und das Grundwasser gefährdeten“, berichtet Zielke. Außerdem stand direkt neben diesem abgegrenzten Areal eine Gasgeneratoren-Station, wobei im Umkreis des ehemaligen Gaswerkes auch sehr geruchsintensive Dämpfe austraten. Bisher, so die Bilanz, wurden im Bereich einer ehemaligen Panzer-Tankstelle und der Gasgeneratoren-Station Altlasten bis aus zwölf Metern Tiefe abgebaggert. „Ein Altlastenzug mit täglich 700 bis 900 Tonnen fuhr von August bis Dezember 2006 Teerölrückstände zu Waschanlagen.“ Insgesamt sind über 300.000 Tonnen Altlasten zu entsorgen. Für die Bewältigung dieser Mammut-Aufgaben, die auch 2008 mit der Reinigung einer größeren munitionsbelasteten Fläche im Industriegebiet Süd weitergehen, hat sich das Projektmanagement Partner ins Boot geholt. Für die Arbeiten im Bereich der Erschließung ist beispielsweise das Unternehmen ISP Steinbrecher & Partner, eine Ingenieurgesellschaft aus Rathenow, beteiligt. Bis zum Ende letzten Jahres entstanden auf diesem Areal 3,6 Kilometer Straße neu, und es wurden 3,6 Kilometer Erdgasleitungen, 24,5 Kilometer Stromleitungen und 11,3 Kilometer Schmutz- und Trinkwasserleitungen verlegt.
 |  |

|
 Der Wasserturm wurde 1916 in Betrieb genommen und dient heute als Antennenbasis mehrerer Mobilfunknetze und als Aussichtsplattform.
|
Heutzutage ist Kirchmöser kein Plätzchen am Rande der Provinz gelegen und kein Militärstandort mehr, sondern ein Dreh- und Angelpunkt des Aufschwungs im Bundesland Brandenburg. Das als Pulverwerk errichtete Industriegelände in Kirchmöser gilt als ein Beispiel für Ausführung und Größe einer im Land Brandenburg heute nur noch selten anzutreffende Industriearchitektur. „Inzwischen haben sich zwei Branchen mit erheblichem Zukunftspotenzial auf expandierenden Märkten hier etabliert“, sagt Projektmanager Freund, und meint damit Unternehmen im bahnaffinen Gewerbe und Unternehmen aus dem Bereich Umwelt und Energie. „Mich freut es besonders, dass es in Kirchmöser mit Arbeitsplätzen wieder aufwärts geht“, sagt er. „Wurden 2004 in den Betrieben am Standort Kirchmöser nur noch 640 Arbeiter gezählt, waren es zuletzt mehr als 1.000.“ Bis zum Ende dieses Jahres rechnet er mit einem Zuwachs von weiteren 150 Arbeitsplätzen. Insgesamt hätten sich seit 2004 19 Firmen in Kirchmöser neu angesiedelt, sechs weitere stünden kurz bevor, darunter eine Biogasanlage, eine Lösungsmittel-Fertigung und ein Seminarhotel. Weil Kirchmöser an die Tradition anbindet, Wohnen und Arbeiten in unmittelbarer Nachbarschaft miteinander zu vereinen, gibt es hier neben Industrieansiedlungen die Vision, einen Golfplatz zu errichten, und wassernahes hochwertiges Wohnen anzubieten.
„Die Projektentwicklung Kirchmöser hat sich zudem auch zum Dienstleister für ortsansässige Unternehmen entwickelt. So werden zusammen mit der Arbeitsagentur Fachleute gesucht, bürokratische Verfahren begleitet, Kooperationen mit der Fachhochschule Brandenburg gefördert sowie die Öffentlichkeitsarbeit und Messepräsentation unterstützt“, sagt Dirk Zielke. Zusätzlichen Chancen für eine noch bessere wirtschaftliche Entwicklung verbindet man mit der Kandidatur des derzeitigen deutschen Außenministers, Frank-Walter Steinmeier. Steinmeier strebt bei der Bundestagswahl im nächsten Jahr ein eigenes Abgeordnetenmandat im Wahlkreis 60 an, der auch die Region Brandenburg an der Havel umfasst.