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Der 52-jährige Hans-Ulrich Czelinski leitet das E.ON-Kraftwerk seit dem 1. Dezember. Fotos: ger

Hans-Ulrich Czelinski kommt aus einer Gegend, wo man zwei Stunden mit dem Auto fahren muss, um ähnliche Wasserverhältnisse wie hier im wasserreichen Brandenburg zu finden. Der begeisterte Surfer wurde in Gelsenkirchen geboren, ging dort zur Realschule und hat dort eine Lehre als Chemielaborant bei VEBA (daraus ging der heutige E.ON-Konzern hervor) absolviert. Sein Wasserrevier lag viele Jahre in Holland. Doch das änderte sich schlagartig.


„Ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen. Vor nunmehr fast 14 Jahren stand die Aufgabe an, in den neuen Bundesländern Kraftwerke speziell für die Stromversorgung der Bahn zu errichten. Mein damaliger Chef stellte mich Ende 1992 vor die Entscheidung: Entweder du gehst nach Schkopau oder nach Kirchmöser. Ich hatte aber von beiden Orten kaum etwas bzw. gar nichts gehört. Und das Internet war noch nicht so weit, dass man einfach schnell mal schauen konnte, wo Kirchmöser liegt. Also habe ich Atlanten gewälzt. Nach dem Blick auf die Karte stand fest: Nur Kirchmöser kommt in Frage. Weil da viel Wasser ist und ich eben leidenschaftlicher Surfer bin.

Die Planungsvorbereitungen begannen. Doch bevor ich nach Kirchmöser aufbrechen konnte, hat meine damalige Lebensgefährtin gesagt: Erst wird geheiratet! So habe ich im Mai 1993 vier Wochen Urlaub genommen, und wir sind gemeinsam ins Standesamt gegangen. Zu der Zeit haben wir auch unser neues Haus bezogen. Im August fing ich dann hier an.“


Der heute 52-Jährige erinnert sich an die erste Zeit: „Erst einmal sah es hier wirklich trist und grau aus, die Straßen waren unglaublich schlecht, die Menschen oftmals still und zurückhaltend. Ich war es gewohnt, dass es alles etwas turbulenter zuging, man meist einen lockeren Spruch drauf hatte. Aber hier gab es unendlich viele Probleme. Bezogen auf meine Arbeit: Wir hatten z.B. nur eine Telefonleitung für die gesamte Bauleitung, mehr waren nicht verfügbar, und es gab noch keine Handys. Als Baustab waren wir eine gute Gemeinschaft, eine tolle Truppe mit Leuten von hier und da, die das alles gemeistert haben und auch nach der Arbeit viel unternommen haben. Das Land Brandenburg bietet kulturell und geschichtlich unglaublich viel. Ich denke nur an das Kloster Lehnin oder an die Veranstaltungen zum 250-jährigen Bestehen von Sanssouci, die wir damals direkt miterlebt haben. Und ich fand es einfach toll, nach Roßdorf bei Genthin in die Gaststätte zu fahren und dort die riesigen Portionen zu verspeisen. Oder mal in der Kneipe Pur in Plaue ein paar Stunden zu verbringen. Ja, und als es dann an einem Tag auch mal richtig schönen Wind und Sonne gab, wirklich ideal zum Surfen, da haben wir die neue Dampfturbine in Betrieb genommen. Ich hätte heulen können.“


Bis 1995 war der studierte Verfahrensingenieur im heutigen E.ON-Kraftwerk (früher war es ein Werk der VEBA Kraftwerke Ruhr AG) maßgeblich am Aufbau und Start des hochmodernen Kraftwerkes beteiligt. Dann zog es ihn wieder nach Hause, denn der Sohn war gerade einmal 10 Jahre alt, die Frau berufstätig. Und es gab das neu erbaute Haus.

Ein Blick noch weiter zurück. In den Jahren 1980 bis 1993 arbeitete Czelinski im Kraftwerk in Scholven bei Gelsenkirchen. „Es macht schon stolz, wenn man als 28-Jähriger das Angebot erhält, 135 Leute als Schichtgruppe zu übernehmen. Das habe ich dort bis 1993 gemacht. Ich habe schon immer sehr gerne im Team gearbeitet und lege bis heute besonderen Wert auf die gute Zusammenarbeit mit meinen Mitarbeitern.


Dann kam der Abstecher nach Kirchmöser und allein der Familie wegen die Rückkehr in den Ruhrpott, wo er Produktionsleiter im ältesten E.ON-Kohlekraftwerk Shamrock in Herne – es ging 1957 ans Netz – wurde.

„Inzwischen ist der Sohn 22 und studiert, meine Frau ist nicht mehr berufstätig. Als eines Tages mein Chef aus Hannover fragte, ob ich Kraftwerksleiter in Kirchmöser werden möchte, weil ich das doch gut aus der Aufbauzeit her kenne, habe ich mich riesig gefreut und relativ schnell zugesagt. Nun bin ich seit dem

1. November wieder hier in Kirchmöser und seit dem 1. Dezember Leiter des E.ON-Kraftwerkes. Es war schön, alte Bekannte hier wieder zu treffen und gemeinsam mit ihnen dafür zu sorgen, dass die Bahn jetzt und in Zukunft stets zuverlässig mit Strom aus unserem Kraftwerk versorgt wird. Wir haben eine Leistung von 165 Megawatt. Den Strom erzeugen wir mit Gas, das über eine eigene Hochdrucktrasse aus Russland kommt. Der Verbrauch ist enorm: zwei mal 18000 Kubikmeter Gas pro Stunde. Zum Vergleich: Wir könnten damit ca. 200 Haushalte ein Jahr lang versorgen! Ein anderer Vergleich: Mit den 165 MW bzw. 165000 kW können 1100 Haushalte ein Jahr lang versorgt werden.


Der Kraftwerksleiter hat klare Vorstellungen, wie es beruflich und privat weiter geht. „Ganz wichtig ist, dass wir gerade erst den Liefervertrag mit der Bahn bis zum Jahr 2029 verlängert haben. Das bedeutet sichere Arbeitsplätze auf lange Sicht und auch, dass wir unser Werk nach einigen Jahren wieder technisch auf den neuesten Stand bringen können. Wichtig ist für mich auch, dass wir weiterhin Lehrlinge ausbilden können – mehr als für den eigenen Bedarf. Es sind zur Zeit 10, die in Kooperation mit der SPEMA und der E.ON edis das berufliche Rüstzeug erhalten. Alle bekommen bei uns nach der Lehre einen befristeten Arbeitsvertrag, damit niemand gleich wieder auf der Straße steht. Im kommenden Jahr werden wir die Rohwasserentnahme fertig stellen. Für 2,7 Millionen Euro haben wir dann eine eigene Kühlwasserversorgung gebaut. Privat ist für mich klar: Ich möchte hier in Kirchmöser in Rente gehen. Und werde darum auch das Haus in Dülmen aufgeben und uns hier eine Wohnung suchen, die vielleicht am Wasser liegt, eine Terrasse hat und mich – im Scherz gesagt –nicht zum Knecht meines Gartens macht. Ich bin, wenn die Zeit es zulässt, doch lieber auf dem Tennis- oder neuerdings auf dem Golfplatz.“


 
eon | 06.02.12 | Druckversion
 

     
 
 
 

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